Nico Pachali — space vs. space
Carlota Gomez, Kuratorin, Kunstverein Hannover
In Paris there is a street
In that street there is a house
In that house there is a staircase
In that staircase there is a room
In that room there is a table
On that table there is a drawer
In that drawer there is a nest
In that nest there is an egg
In that egg there is a bird
And the bird overturned the egg
The egg overturned the nest
The nest overturned the drawer
The drawer overturned the table
The table overturned the room
The room overturned the staircase
The staircase overturned the house
The house overturned the street
The street overturned Paris
Beim Nachdenken über Nico Pachalis Arbeit komme ich einmal mehr auf Georges Perec
zurück—vielleicht auch, weil ich ohnehin zu oft an ihn denke.
Im Jahr 1974 verfasste Georges Perec den Essay Species of Spaces and Other Pieces,
einen Text, der reflektiert, wie wir Raum im Alltag erfahren, organisieren und
konstruieren. Vom Maßstab der Seite bis hin zu dem der Stadt entwickelt Perec eine
Perspektive, in der Raum nicht als etwas Gegebenes erscheint, sondern durch Nutzung,
Wahrnehmung und Gewohnheit geformt wird—über banale und oft übersehene Räume,
die bestimmen, wie wir tatsächlich leben. Das Buch selbst führt Raum vor: in Listen,
Wiederholung und Struktur provisorisch es sich als ein System, das sein eigenes
Material sammelt, ordnet und neu ordnet.
Dabei funktioniert Perecs Text beinahe wie ein Notationssystem oder ein
Kartierungswerkzeug, das Relationen nachzeichnet, anstatt sie festzuschreiben. Raum
entsteht durch Prozesse der Akkumulation, in denen Fragmente, Beobachtungen und
Spuren über die Zeit hinweg geschichtet werden und eine sich verschiebende, niemals
vollständig stabile Konfiguration bilden.
Auch Pachalis Arbeit lässt sich als ein solches System räumlicher Operationen
beschreiben, in dem Zeichnung zu einem Mittel wird, Raum zu konstruieren, anstatt ihn
zu repräsentieren. Linien, Schnitte und Formen fungieren nicht als beschreibende
Gesten, sondern als Verfahren, die räumliche Relationen artikulieren und erproben.
Im Zentrum der Praxis steht ein Set wiederkehrender „Körper“, die nicht vorab festgelegt
sind, sondern aus den Räumen hervorgehen, die Pachali bewohnt. Diese Formen
werden wiederholt, verschoben, rotiert und überlagert und erzeugen eine räumliche
Syntax, in der Bedeutung relational entsteht—zwischen Positionen, Distanzen und
Intervallen. Raum ist kein gegebener Container, sondern wird fortwährend durch diese
Interaktionen hervorgebracht.
Bewegung vollzieht sich als eine Kette von Reaktionen, in der keine Position isoliert
bleibt: Verschiebt sich eine, justiert sich eine andere, richtet sich neu aus oder weicht
aus, sodass jede Setzung bereits die Spur der nächsten in sich trägt. Formen besetzen
den Raum nicht einfach, sondern stehen in einem Zustand fortwährender Beziehung,
zusammengehalten durch ein unsichtbares Feld, das ihre Abläufe verbindet, ohne sie
festzuschreiben.
Diese Dynamik beschränkt sich nicht auf die Formen selbst, sondern setzt sich im
Raum fort und schließt die Körper der Betrachtenden mit ein. Die Positionierung der
Elemente wirkt dabei richtungsgebend: Sie lenkt, strukturiert Wege und schreibt sich—
wie eine horizontale Koordinate—in die Erfahrung ein. So wird das Wahrnehmen selbst
Teil dieses Zusammenhangs: ein Sich-Bewegen, Reagieren und Neu-Ausrichten im
Raum, das den Relationen der Arbeit folgt.
Es entsteht eine Choreografie, die sich nicht aus einzelnen Gesten speist, sondern
zwischen ihnen ausbildet—ein Zusammenspiel von Distanzen, Spannungen und
Ausrichtungen, das sich durch den Raum fortsetzt. Wie Partikel in einem magnetischen
Feld oder Impulse in einem synaptischen Gefüge wirkt jede Verschiebung über sich
hinaus, setzt andere in Gang und lässt Raum als eine Folge ineinandergreifender
Transformationen hervortreten.
Wie bereits angedeutet, operieren seine Arbeiten wie Notationssysteme—
„Raumnotation“ oder „Bewegungsprotokolle“—die sich einer konventionellen
Lesbarkeit entziehen und zugleich auf der Logik von Alphabeten, Partituren oder Proto
Schriften basieren. Vorgeschlagen wird kein Text, der gelesen werden soll, sondern eine
Struktur, die zu durchqueren ist. Erfahrung bildet sich im Vollzug: durch Gehen, das
Verschieben von Blickpunkten und das Nachverfolgen von Relationen im Raum, als
würde man ein Terrain kartieren, das nur teilweise erfassbar bleibt.
Mit Papier und Bleistift als primären Materialien arbeitet Pachali mit minimalen Mitteln,
um komplexe räumliche Effekte zu erzeugen: Schnitte öffnen Flächen, Faltungen führen
Volumen ein, Überlagerungen erzeugen Tiefe. Transparentes Klebeband—ebenso
zentral—fungiert sowohl als strukturelles wie auch als symbolisches Element, das wie
eine Naht oder eine Form von Zement wirkt, indem es verbindet, stabilisiert und
zugleich Momente von Reparatur oder Bruch markiert. Die Arbeiten oszillieren zwischen
zwei- und dreidimensionalen Zuständen und aktivieren Spannungen zwischen Fläche
und Körper, Präsenz und Abwesenheit.
Entscheidend sind die Zwischenräume, in denen räumliche Relationen entstehen.
Raum bildet sich in diesen Lücken, in denen Formen sich zueinander verhalten, ohne
sich zu einer festen Struktur zu verdichten. Das Dazwischen operiert auf
unterschiedlichen Maßstäben: in architektonischen Kontexten wie Wänden oder Ecken
ebenso wie innerhalb der Papierkonstruktionen selbst, wo die leeren, unbesetzten
Flächen weitere räumliche Bedingungen hervorbringen. Installationen erscheinen als
offene, modulare Konstellationen—serielle Anordnungen, die reorganisiert und neu
konfiguriert werden können und grundsätzlich vorläufig bleiben. Sie lassen sich als eine
Art räumliches Archiv verstehen: ein System von Elementen, das geordnet, verlagert
und fortwährend reartikuliert wird, ohne je eine endgültige Konfiguration zu erreichen,
und sich als eine sich wandelnde Topografie von Relationen ausbildet, die eher
Prozesse des Kartierens als feste Orientierung nahelegt.
Entsprechend formieren sich die Arbeiten in Konstellationen anstatt als isolierte
Objekte. Installationen sind als offene Systeme strukturiert—seriell, modular und
potenziell anordnbar. Es entsteht weniger eine abgeschlossene Komposition als ein
sich entwickelndes räumliches Feld, in dem Beziehungen provisorisch bleiben und sich
kontinuierlich verändern.
Dieser Ansatz ist mit der Suche nach einer Sprache jenseits von Sprache verbunden:
Vorgeschlagen wird kein Text, der gelesen werden soll, sondern ein Geflecht, die
durchschritten wird—eine Grammatik von Formen, durch die Raum selbst in seiner
Organisation lesbar wird.
In space vs. space beginnt sich Raum von etwas Stabilem zu etwas Aushandelbarem zu
verschieben. Horizontal und Vertikal organisieren das Feld nicht länger eindeutig,
sondern geraten in ein Spannungsverhältnis, das sich durch die Arbeit zieht. Positionen
werden erprobt, verschoben und neu ausgerichtet, als würden sie sich entlang eines
zugrunde liegenden Koordinatensystems bewegen—eines unsichtbaren Gitters, das
Orientierung bietet, ohne festzuschreiben, und misst, ohne zu stabilisieren. Raum
erscheint weniger als vorgegebener Hintergrund denn als etwas Kontingentes, das
durch Körper, Distanzen und ihre sich ständig verschiebenden Relationen geformt wird.
Die Ausstellung geht aus einer anfänglichen Konfrontation hervor: zunächst zwischen
Pachali und seinem eigenen Atelier, später in Bezug auf den Raum von Konnektor. Was
als Widerstand gegenüber den Bedingungen seines unmittelbaren Arbeitsraums
beginnt, setzt sich im Ausstellungsraum fort, wo diese Spannung unter neuen
räumlichen Voraussetzungen neu formuliert wird. Anstatt das Atelier zu verlagern,
extrahiert Pachali Elemente daraus—Wände und Böden—und übersetzt sie in
Schablonen, die in den Ausstellungsraum zurückgeführt werden.
Diese Abdrücke folgen nicht der ursprünglichen räumlichen Logik des Ateliers.
Stattdessen reagieren sie auf die Bedingungen von Konnektor und aktivieren den Raum
durch Eingriffe, die beinahe parasitär operieren. Die Arbeit bewohnt den Raum nicht
einfach und transformiert ihn auch nicht vollständig; sie setzt sich an ihn an, überzieht
ihn und artikuliert ihn von innen heraus neu.
Dabei entsteht keine nahtlose Integration, sondern eine ausgehandelte Symbiose—ein
fortlaufender Rückkopplungsprozess, in dem sowohl die Arbeit als auch der Raum in
Spannung bleiben und sich gegenseitig formen und verschieben.
Das Ergebnis ist ein offenes Gefüge in ständiger Bewegung. Raum bildet sich im
Vollzug—durch Verschiebung, Überlagerung und das fortwährende Zusammenspiel der
Elemente—und bleibt als ein Feld bestehen, das sich nur im Durchqueren und
fortlaufenden Neukartieren erschließt.
Darin lässt sich Pachalis Arbeit als eine Form von Forschung verstehen—als ein Prozess
der Selbstaneignung, der sich durch die Erkundung von Raum vollzieht. Es handelt sich
weder um eine rein formale Untersuchung noch um eine festgelegte Fragestellung,
sondern um eine Praxis der Dekonstruktion und kontrollierten Rekonstruktion, in der
räumliche Relationen zerlegt und neu zusammengesetzt werden.
Die Arbeit wird so zu einer Weise, sich selbst über die Bedingungen, die man bewohnt,
zu verstehen: durch Bewegung, Verlagerung und die wiederholte Aushandlung von
Grenzen. Anstelle einer definierten Identität tritt ein temporärer Zustand—geformt in der
Interaktion mit Flächen, Distanzen und den Räumen, in denen man sich bewegt,
arbeitet und lebt.
Der Prozess des nosce te ipsum bleibt dabei grundlegend unabgeschlossen: Identitäten
verfestigen sich nicht, sondern verändern sich fortwährend und bilden sich je nach
Bedingungen immer wieder neu—im Raum ebenso wie durch ihn.